Leonhard Salleck ist als Leiter der Brauerei zum Kuchlbauer im bayerischen Abensberg überregional bekannt geworden. Daneben hat sich der freigeistige Brauereichef eingehend mit Kunst, Kunstgeschichte und Philosophie beschäftigt. Im alten Gewölbekeller der Brauerei hat er Leonardo da Vincis Abendmahl als Druck in Originalgröße anbringen lassen. Bei seinen Studien mit dem Bild ist er auf einige, teilweise revolutionäre Entdeckungen gestoßen.
Das weltberühmte Wandgemälde in Mailand wird heute allgemein als Il Cenacolo – "Der Abendmahlssaal" oder kurz "Das Abendmahl" – bezeichnet. Doch dieser Titel stammt nicht von Leonardo da Vinci selbst. Was der Künstler seinem Werk ursprünglich gab, ist bis heute nicht eindeutig belegt.
Die Bezeichnung Il Cenacolo etablierte sich erst Jahrzehnte nach seiner Entstehung – benannt nach dem Refektorium des Dominikanerklosters Santa Maria delle Grazie, in dem das Werk noch heute zu sehen ist.
Dieses scheinbar nebensächliche Detail wirft tiefgreifende Fragen auf: Welche Szene wollte Leonardo eigentlich darstellen? Und welche Botschaft sollte der ursprüngliche Titel vermitteln – eine Botschaft, die uns vielleicht bis heute verborgen geblieben ist?
Wer sich näher mit Leonardos Leben, Werk und seiner Zeit beschäftigt, erkennt schnell: Das Gemälde birgt zahlreiche Ungereimtheiten. Eine davon ist die auffallend große Tiefe des dargestellten Saales. Warum ein so weitläufiger Raum für ein schlichtes Abendmahl? Das eigentliche Geschehen spielt sich doch im Vordergrund ab.
Die Antwort liegt in der Symbolik: Der Saal steht für die antike Philosophie als geistigen Raum – und hat damit eine Bedeutung, die jener der dargestellten Personen mindestens ebenbürtig ist.
Die drei Wände des Saales sind in unterschiedlichen Farben und Helligkeiten gehalten – und jede steht für eine der drei Grunddisziplinen der antiken Philosophie:
Physik
Die linke Wand steht für die Naturlehre – das Studium der Welt, so wie sie ist.
Logik
Die Rückwand in der Mitte steht für die Logik – das Fundament allen Denkens.
Ethik
Die rechte Wand steht für die Tugendlehre – ihr wendet sich Jesus zu.
In der Logik unterscheidet man drei Urteilsmöglichkeiten: Ja, Nein und Unbestimmt. Genau diese drei Möglichkeiten spiegeln sich in den drei Lichtöffnungen der Rückwand wider:
Das linke Fenster
Das linke Fenster, in dem kein Apostel zu sehen ist, steht für die Verneinung.
Die Tür (Mitte)
In der Türöffnung sitzt Jesus selbst – sie steht für die Bejahung: "Ich bin es."
Das rechte Fenster
Das rechte Fenster zeigt zwei Apostel – ein dritter befindet sich außerhalb. Es steht für das Unbestimmte, den sogenannten "ausgeschlossenen Dritten".
Leonardo hat die zwölf Apostel in vier Dreier-Gruppen angeordnet – jede verkörpert eines der vier Grundtemperamente nach Hippokrates. Körperhaltung, Gestik und Mimik folgen dabei keinem Zufall, sondern einem bewussten Gestaltungsprinzip.
Der dargestellte Moment: Jesus verkündet "Einer von euch wird mich verraten." Die unmittelbaren Reaktionen der Apostel auf diese erschütternde Botschaft machen ihr Temperament sichtbar – direkt, ungeschminkt, unverwechselbar.

Ruhig · Gelassen · Beständig
Bartholomäus, Jakobus der Jüngere, Andreas
Diese drei nehmen die Nachricht mit stiller Würde auf. Keine Hektik, keine Aufregung – nur offene, ruhige Präsenz. Sie sind die Fels-Figuren des Bildes.
Nachdenklich · Zurückgezogen · Tiefgründig
Judas, Petrus, Johannes
Sie ziehen sich innerlich zurück. Stille Trauer, gesenkter Blick, in sich gekehrte Haltung – das Gehörte trifft sie tief, und sie tragen es allein.


Impulsiv · Erregt · Handlungsbereit
Thomas, Jakobus der Ältere, Philippus
Ausgestreckte Arme, aufgerissene Augen, vorgebeugter Körper – die Botschaft trifft sie wie ein Blitz. Ihre Reaktion ist körperlich, unmittelbar, kaum zu zügeln.
Lebhaft · Gesellig · Kommunikativ
Matthäus, Thaddäus, Simon
Sie suchen sofort den Austausch. Lebhafte Gesten, zugewandte Blicke, rege Diskussion – das Gehörte muss geteilt, gedeutet, besprochen werden.

"Finde eine Regel und variiere so viel du kannst"
Die drei logischen Urteilsformen, die an der Rückwand des Saales dargestellt sind, spiegeln sich in jeder der vier Apostelgruppen wider – und lassen sich unmittelbar an den Händen ablesen: Übereinstimmende Hände stehen für Bejahung, wegweisende Hände für Verneinung, und unterschiedliche Handhaltungen für ein unbestimmtes Urteil.
Besonders anschaulich zeigt sich dies in der Gruppe rechts neben Jesus. Der ungläubige Thomas streckt einen Finger mahnend in die Höhe – eine klare Verneinung: "Das glaube ich nicht." Jakobus der Ältere breitet erschrocken die Arme aus und verkörpert damit das Unbestimmte, das Schwanken zwischen Glauben und Zweifel. Philippus hingegen legt die Hände bejahend zusammen, als fragte er demütig: "Herr, bin ich es, der dich verrät?"
Dieses Prinzip durchzieht das gesamte Bild: An Händen, Gesichtsausdruck und Körperhaltung lässt sich bei jeder einzelnen Figur ablesen, was sie bewegt – was sie denkt, fühlt und im Innersten meint.
Zwei der Apostel stechen sofort ins Auge: Sie sind sichtlich mindestens eine Generation älter als alle anderen Anwesenden. Es handelt sich um Platon und Aristoteles. Jesus war dreißig Jahre alt; Leonardo selbst war 1497 fünfundvierzig. Platon und Aristoteles hingegen erscheinen als Männer von etwa fünfundsiebzig Jahren – gemalt wie zwei ehrwürdige alte Griechen, die Leonardo beide tief verehrte.

Der dritte Apostel von links trägt die unverkennbaren Züge des Aristoteles. Kein Zufall: Aristoteles führte die "vier Gründe des Seienden" in die Philosophie ein – und eben diese vier Gründe sind als Wandteppiche an der linken Längswand dargestellt.
Jesus trägt seine bekannte Bitte vor: "Herr, lass diesen Kelch an mir vorübergehen." Doch Aristoteles antwortet mit einer unmissverständlichen Geste: Die Hände abweisend erhoben, den Körper zurückgelehnt, den Kopf zur Seite gewandt – ein klares Nein. Dahinter steht einer seiner zentralen Lehrsätze: "Gott greift nicht in den Weltlauf ein und ist auch nicht von dieser Welt zu beeinflussen." Für Jesus eine ebenso nüchterne wie entscheidende Antwort.
Was wäre der Welt erspart geblieben, wenn diese Erkenntnis im Laufe der Geschichte zur gängigen Überzeugung geworden wäre?
Der Apostel ganz rechts außen trägt die Züge von Leonardos Lieblingsphilosophen Platon. Er sitzt vor jenen vier Wandteppichen, die Platons eigene Schöpfung abbilden: die vier Kardinaltugenden, von ihm als Erstem in dieser Form formuliert.
Platon lehnt sich vor – eine Haltung voller Offenheit und Zugewandtheit. Seine Hände scheinen eine seiner bedeutendsten Überzeugungen zu begleiten: "Die Seele des Menschen ist unsterblich." Angesichts der bevorstehenden Verurteilung Jesu gewinnt dieser Gedanke eine besondere Tiefe – und wird vielleicht zum wichtigsten Glaubensargument, das Leonardo ins Bild gebracht hat.
Jesus selbst spricht mit beiden Händen zugleich. Die rechte Hand sagt: "Ich muss gehen – ich werde sterben." Die linke antwortet darauf: "Ich werde auferstehen und euch erlösen." In dieser doppelten Geste verdichtet Leonardo die gesamte Osterbotschaft – Tod und Auferstehung, in einem einzigen Augenblick eingefroren.
Die Blumen auf den Vorhängen sind kein bloßes Dekor – sie sind das Symbol der Tugend. Damit gibt Leonardo dem Gemälde eine programmatische Rahmung: Das Letzte Abendmahl ist mehr als eine biblische Szene. Es ist ein allgemeingültiges Schema zur Lösung von Problemen – ein Gerichtshof des Gewissens, dem man jede moralische Frage vorlegen kann.
Jesus steht im Zentrum und gibt die Richtung vor – durch zwei gegenläufige Gesten, die das gesamte Bildprogramm strukturieren:
Jesus wendet sich den sechs aktiven Aposteln zu – jener Seite, die für Tugend, Gewissen und innere Haltung steht. Seine sinngemäße Botschaft: "Es gibt nichts Gutes, außer man tut es." Wer handeln will, soll sich an der inneren göttlichen Stimme orientieren – autonom, tugendhaft, dem eigenen Gewissen verpflichtet.
Jesus wendet sich ab von der Seite des Materiellen – von Geld, Organisationen, Zweck und Nutzen. Seine Warnung: "Wer sich allein daran ausrichtet, riskiert, dass es schlechter wird." In letzter Instanz zählt nicht der äußere Nutzen, sondern das Gewissen.
Leonardo hat in dieses Bild ein vollständiges Denksystem eingeschrieben – ein Werkzeug, mit dem sich jedes Problem systematisch untersuchen lässt:
Maßstab ist die Tugendlehre – die vier Kardinaltugenden, abgebildet auf den Wandteppichen der rechten Seite.
Maßstab ist die Naturlehre – Aristoteles' vier Gründe des Seienden, dargestellt auf den Wandteppichen der linken Seite.
Mit dem richtigen Denken – der Logik – eine Lösung entwickeln und sie am Gewissen, der inneren göttlichen Stimme, abwägen.
Die vier Wandvorhänge auf der linken Seite repräsentieren Aristoteles' vier Ursachen:
Stoffursache – Aus was besteht es?
Formursache – Welche Gestalt und Form hat es?
Wirkende Ursache – Wer bewirkt es?
Zweckursache – Warum und wofür wird es gemacht?
Die vier Wandvorhänge auf der rechten Seite repräsentieren die vier Kardinaltugenden:
Zeitloses Maß sozial richtigen Verhaltens
"Bei Sinnen sein" – Ruhe und Überlegung
Die Mitte halten zwischen Feigheit und Tollkühnheit
Richtige Einschätzung der Dinge
Dieses Grundschema lässt sich auf die Lösung aller Probleme anwenden. Im Folgenden wird es am Beispiel der Flüchtlingsproblematik erläutert – nicht als politische Stellungnahme, sondern als gedankliches Ordnungsmodell. Es verbindet vier klassische Ursachenfragen mit vier Kardinaltugenden, um komplexe gesellschaftliche Themen sachlich, ausgewogen und nachvollziehbar zu betrachten.
Das Gemälde "Das letzte Abendmahl" kann sinnbildlich als Grundschema für die Betrachtung und mögliche Lösung komplexer Probleme verwendet werden. Die linke Seite steht für die Naturlehre und damit für die Frage, wie ein Sachverhalt beschaffen ist, wodurch er entsteht, wer oder was ihn beeinflusst und welchem Zweck eine Maßnahme dienen soll. Die rechte Seite steht für die Tugendlehre und damit für die Frage, ob eine Entscheidung gerecht, besonnen, mutig und weise ist. Beide Perspektiven sollen nicht gegeneinander ausgespielt, sondern miteinander verbunden werden.
Die sogenannte Causa materialis fragt nach den tatsächlichen Bestandteilen und Rahmenbedingungen eines Problems. Im Zusammenhang mit Flucht und Migration gehören hierzu insbesondere die unterschiedlichen Lebenslagen der betroffenen Menschen, ihre Herkunfts- und Fluchtgründe, die vorhandenen rechtlichen Kategorien sowie die verfügbaren Unterbringungs-, Verwaltungs- und Integrationsstrukturen. Die Causa formalis richtet den Blick auf die konkrete Ausgestaltung: Wie sind Aufnahme, Registrierung, Unterbringung, Versorgung, Verfahren und Integration organisiert? Die Causa efficiens untersucht Ursachen und Einflussfaktoren. Dazu können bewaffnete Konflikte, politische Verfolgung, wirtschaftliche Not, fehlende Zukunftsperspektiven, familiäre Bindungen und weitere individuelle oder strukturelle Gründe gehören. Die Causa finalis fragt schließlich nach den angestrebten Zielen. Hierzu können der Schutz gefährdeter Menschen, die geordnete Durchführung rechtsstaatlicher Verfahren, die Wahrung gesellschaftlicher Stabilität und ein verantwortungsvoller Umgang mit öffentlichen Ressourcen zählen.
Die Gerechtigkeit verlangt, die Rechte, Bedürfnisse und Belastungen aller Betroffenen angemessen zu berücksichtigen. Dazu zählen Schutzsuchende und bereits ansässige Personen ebenso wie Kommunen, Behörden, Hilfsorganisationen und andere beteiligte Stellen. Besonnenheit bedeutet, Entscheidungen auf der Grundlage belastbarer Informationen zu treffen, kurzfristige Reaktionen zu vermeiden und mögliche Folgen sorgfältig abzuwägen. Tapferkeit steht für die Bereitschaft, auch schwierige Entscheidungen zu treffen und Verantwortung zu übernehmen, ohne in Untätigkeit oder unverhältnismäßiges Handeln zu verfallen. Weisheit bezeichnet die Fähigkeit, rechtliche, humanitäre, soziale, wirtschaftliche und praktische Gesichtspunkte in einer realistischen Gesamtschau zusammenzuführen.
Bei der Anwendung des Modells sollten unterschiedliche Ursachen und Schutzbedarfe nicht pauschal gleichgesetzt werden. Eine sachliche Prüfung erfordert verlässliche Informationen, rechtsstaatliche Einzelfallentscheidungen und eine klare Unterscheidung zwischen verschiedenen Aufenthalts- und Schutzgründen. Zugleich sind die Leistungsfähigkeit von Verwaltung, Kommunen, Wohnungsmarkt, Bildungswesen und sozialen Einrichtungen sowie Fragen der Integration und gesellschaftlichen Akzeptanz zu berücksichtigen. Aussagen über Kriminalität, öffentliche Kosten, Zuwanderungszahlen oder wirtschaftliche Auswirkungen sollten nur auf der Grundlage belastbarer und nachvollziehbarer Daten getroffen werden.
Das Grundschema führt nicht automatisch zu einer bestimmten politischen Antwort. Es dient vielmehr dazu, Annahmen offenzulegen, Zielkonflikte sichtbar zu machen und unterschiedliche Handlungsoptionen nach einheitlichen Kriterien zu prüfen. Eine verantwortungsvolle Entscheidung verbindet Humanität mit Rechtsstaatlichkeit, praktische Umsetzbarkeit mit langfristiger Wirkung und individuelle Schutzinteressen mit den berechtigten Interessen der Gesamtgesellschaft. Am Ende steht eine Gewissensentscheidung, die auf Fakten, sorgfältiger Abwägung und der Achtung der Menschenwürde beruht.
Die Verbindung von Ursachenlehre und Tugendlehre bietet einen strukturierten Rahmen für eine offene und respektvolle Diskussion. Sie fordert dazu auf, weder ausschließlich materiell und zweckorientiert noch ausschließlich moralisch und abstrakt zu argumentieren. Tragfähige Lösungen entstehen vielmehr dann, wenn tatsächliche Ursachen, organisatorische Möglichkeiten, rechtliche Vorgaben und ethische Maßstäbe gemeinsam betrachtet werden. Das Modell kann deshalb auch auf andere gesellschaftliche Fragestellungen übertragen werden, bei denen unterschiedliche Interessen, Werte und praktische Grenzen miteinander in Einklang gebracht werden müssen.
Leonardo da Vinci war bekannt dafür, versteckte Botschaften in seine Werke einzubetten. Zeitgenossen, die zu offen ihre Überzeugungen äußerten, riskierten, als Ketzer verfolgt zu werden – ein Grund mehr, Botschaften zu verschlüsseln statt auszusprechen.
Wer das Gemälde ohne christlich-kulturelles Vorwissen betrachtet, sieht nicht zwölf Männer, sondern: eine zentrale männliche Figur (Jesus), elf Männer – und unmittelbar neben Christus eine Person mit deutlich weiblichen Zügen. Die Kirche identifiziert diese Figur als den Jünger Johannes. Doch war das wirklich Leonardos Absicht?
Salleck hält es für keinen Zufall, dass ausgerechnet "der Jünger, den Jesus liebte" als Frau dargestellt ist – und vermutet in dieser Figur Maria Magdalena. Dafür sprechen mehrere auffällige Indizien:
Weibliche Physiognomie
Das Gesicht und die Hände der Figur entsprechen klar weiblichen Zügen – ungewöhnlich für eine männliche Jüngerfigur.
Partnerlook mit Jesus
Jesus und die Figur tragen die gleichen Farben – seine in kräftigen, erdigen Tönen, ihre in denselben, aber zarteren, weiblicheren Nuancen. Ein bewusst gesetztes visuelles Paar.
Abweichender Gewandsaum
Der Saum des Kleides verläuft anders als bei den männlichen Figuren – ein Hinweis, der auf eine weibliche Körperform deuten könnte.
Schützende Körperhaltung
Die verschränkten Hände auf dem Tisch und die leicht vorgeneigte Sitzhaltung erinnern an eine schützende Geste – manche deuten dies als Hinweis auf eine Schwangerschaft.
Gemeinsame innere Ruhe
Während die anderen Jünger aufgewühlt reagieren, blicken sowohl Jesus als auch die Figur neben ihm gelassen und beinahe entrückt – ihr Gesicht wirkt fast schlafend, mit ähnlicher Blickrichtung wie Jesus.
Geteiltes Bewusstsein
Die beiden scheinen auf einer anderen Ebene zu sein als die übrigen Anwesenden – ihr Blick geht nach innen oder nach außen, während alle anderen erregt entlang der Tafel reagieren.

Im Evangelium des Johannes steht wörtlich in Kapitel 13, Vers 21–24:
"Es war aber einer unter seinen Jüngern, den Jesus lieb hatte, der lag bei Tisch an der Brust Jesu. Dem winkte Simon Petrus, dass er fragen sollte, wer es wäre, von dem er redete."
Das zeigt auch das Gemälde, aber eklatant anders. Petrus winkt nicht, er nimmt Maria Magdalena am Saum, zieht den Saum so, dass drei Finger die Haut von Maria Magdalena berühren – die Frau, die Jesus liebte.
Außerdem zieht er Maria Magdalena stark weg von Jesus und zu sich hin, und die Hand scheint Maria Magdalena nach unten zu drücken, dorthin, wo nicht ihr Platz ist. Das ist vielleicht eine Andeutung, dass die römisch-katholische Kirche Maria Magdalena als Sünderin und Prostituierte verleumdete (Papst Gregor I., Jahr 591).
Man hat sie von ihrer eigentlichen Stellung zu Jesus, von dessen wirklichem Sinn – zu seiner Frau "an seiner Brust" – konträr und handgreiflich mit Körperberührung weggezogen. Man hat sie damit abgestempelt, um Frauen in der Kirche generell in Führungsaufgaben und Positionen inakzeptabel zu brandmarken. Das hat Leonardo auf seine Art gemalt. Die Nachfolger von Petrus waren die Päpste. Heute wird man moderner und macht Fortschritte, die Frauen gleichzustellen.
Im Jahr 2009 erhielt Salleck als Geschenk das Buch eines verstorbenen Freundes, Dr. Georg Eichholz, mit dem Titel "Tema Con Variazioni" (2009, Scaneg Verlag, München) - ein Werk, das sich intensiv mit dem "Abendmahl" auseinandersetzt.
Darin entdeckte Salleck ein bislang ungelöstes Rätsel Leonardos: eine Zeichnung im Kontext von Skizzen zum Abendmahl, das sogenannte "Doppelemblem".
Das Doppelemblem zeigt einen Baumstumpf, aus dem ein junger Spross austreibt, sowie einen Falken mit einer Schlange im Schnabel. Bemerkenswert: Leonardo beschriftete diese Zeichnung - ungewöhnlicherweise nicht in Spiegelschrift - mit den Worten:
"Ein abgeschnittener Baum, der wieder ausschlägt. Ein Falke, Zeit. Ich hoffe noch."
Die Kunstgeschichte rätselt bis heute über die Bedeutung dieser Zeichnung. Sallecks Deutung des "Letzten Abendmahls" ermöglicht nun eine schlüssige Erklärung.
Leonardo hatte sich vorgenommen, den tieferen Sinn seines Gemäldes nicht preiszugeben. Als bekennender "Geheimniskrämer" lebte er in einer gefährlichen Zeit: In der Ära Leonardos fanden etwa im Umfeld des Dominikanermönchs Girolamo Savonarola Bücherverbrennungen und Bilderstürme statt. Offenheit hätte ihn in ernsthafte Schwierigkeiten gebracht.
Dennoch hegte er eine Hoffnung: dass der wahre Gehalt seines Werkes eines Tages entdeckt werden würde - und mit ihm die außergewöhnliche Konzeption und Komposition, die das "Letzte Abendmahl" zu einem der bedeutendsten Gemälde der Welt macht.
Der gesamte Baum steht symbolisch für den Gehalt des Gemäldes - doch Leonardo hat Stamm und Äste weggelassen und damit den Sinn verborgen gehalten. Nur der Stumpf bleibt sichtbar. Der junge Trieb deutet darauf hin, dass der verborgene Sinn dereinst ans Licht kommen und neu aufwachsen wird.
Der Falke steht als klassisches Symbol für die Zeit, die Schlange als Symbol für Klugheit und Weisheit. Die Botschaft: Es wird Zeit vergehen - doch die Klugheit bringt den Sinn schließlich an den Tag.
Dass Leonardo bei dieser Zeichnung ausnahmsweise auf die Spiegelschrift verzichtete, lässt sich als bewusstes Signal deuten: Der Sinn sollte irgendwann leichter zugänglich sein und sein Genie belegt werden.
Leonhard Salleck wurde 1943 in Abensberg geboren und studierte Brauwesen an der Technischen Universität München (TUM) in Weihenstephan.
Seit 1969 führte er das Familienunternehmen Brauerei zum Kuchlbauer in Abensberg mit großem Erfolg und transformierte es von einer angeschlagenen Brauerei zu einem international bekannten Unternehmen.
Neben seiner Tätigkeit als Brauereichef hat sich Salleck als Denker und Kunstliebhaber intensiv mit den tieferen Bedeutungen großer Meisterwerke auseinandergesetzt und dabei eine einzigartige Perspektive auf die Verbindung von Handwerk, Kunst und Philosophie entwickelt.
Seine Studien zu Leonardo da Vincis "Letztem Abendmahl" haben zu revolutionären neuen Interpretationen geführt, die das Verständnis dieses weltberühmten Gemäldes grundlegend verändern. In der Brauerei zum Kuchlbauer hat er ein einzigartiges Ambiente geschaffen, in dem Kunst, Kultur und Handwerk zusammenfließen.
Leonhard Salleck hat seine Interpretation in dem Buch "Der Schlüssel zu Leonardo da Vincis Abendmahl" (ISBN 3-937082-11-5, 2004, Verlag Kastner) veröffentlicht. Das Buch analysiert die philosophischen Botschaften in Leonardos Meisterwerk und ist im Buchhandel erhältlich.
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